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Widerstand und Selbstbehauptung

Häftlinge und Verfolgte erwehrten sich der Macht ihrer Unterdrücker durch viele Formen der Auflehnung: Sie verweigerten Anordnungen, begingen Sabotageakte, schützten Mithäftlinge. Viele schöpften Überlebenskraft aus illegalen Kultur- und Lehrveranstaltungen, dem Schreiben von Gedichten, aus geheimem Handwerk oder der Musik. Zeugnisse dieser Art sind in der Gedenkstättenarbeit wichtig, um Zugänge zu den Erfahrungen der Verfolgten zu vermitteln. Selbstzeugnisse: In Briefen und Tagebüchern, Liedern und Zeichnungen, Erlebnisberichten und Memoiren sind Erfahrungen und Leiden der Verfolgten dokumentiert. Einige dieser Zeugnisse entstanden unter schwierigsten Bedingungen bereits während der Haft, um die Welt „draußen“ über die Geschehnisse zu informieren und sich darüber eine gewisse psychische Entlastung zu verschaffen. Briefe stellten für die von der Außenwelt isolierten Häftlinge eine Quelle der Hoffnung dar. Doch die Briefzensur verhinderte, offen über die Verhältnisse im Lager zu sprechen und die persönliche Verfassung oder Gefühlslage zu schildern. Nur selten war ein so intimer Austausch möglich, wie ihn die junge Kommunistin Hannah Vogt aus dem Gerichtsgefängnis Osterode und dem Konzentrationslager Moringen mit ihren Eltern führen konnte.

Die ersten Häftlingsberichte wurden bereits in den dreißiger Jahren verfasst und veröffentlicht. Zu ihnen zählt Wolfgang Langhoffs Buch „Die Moorsoldaten“, in dem er seine Haftzeit, unter anderem im Emslandlager Börgermoor, schildert. Nach dem Ende der NS-Herrschaft kam es dann zu einer Fülle von Veröffentlichungen. Sie sollten zur historischen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen beitragen. Gleichzeitig wollten ihre Verfasser demonstrieren, dass es ein „anderes“ Deutschland gab, das aller Willkür zum Trotz widerstanden und sich gewehrt hatte. „Das andere Deutschland“ war auch der Name eines Verlags in Hannover, der Berichte von Widerstandskämpfern und Überlebenden veröffentlichte.

War in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik das Erzählen über den Holocaust und über Verfolgungserfahrungen tabuisiert, sind Gespräche mit Zeitzeugen seit den 1980er achtziger Jahren zunehmend zum Gegenstand öffentlichen Interesses geworden. Viele ehemalige Häftlinge sind bereit, im Rahmen der pädagogischen Arbeit der Gedenkstätten mit Jugendlichen über ihre Erfahrungen von Verfolgung und Konzentrationslager zu sprechen. Immer weniger sind dazu allerdings noch in der Lage.

Bilder von Verfolgten: Gedenkstätten und Initiativen sind zum Sprachrohr für das Schicksal der Verfolgten geworden. Deren soziale und ethnische Vielfalt war bis dahin ausgeblendet worden. Viele – wie etwa Homosexuelle, Sinti und Roma oder „Deserteure“ – waren verfemt. Um diese Vielfalt hinter einem Verfolgungssystem zu vermitteln, das aus Namen Nummern machte, befragen Gedenkstätten und Initiativen zeitgenössische und Selbstzeugnisse daraufhin, wie sie als Bilder von Verfolgung und Verfolgten eingesetzt werden und zu interpretieren sind.

Erinnerungszeichen: Gedenksteine – insbesondere an den historischen Orten der Verfolgung – prägen die öffentliche Kultur der Erinnerung und das individuelle Gedenken in besonderer Weise. Die oft zunächst provisorisch gesetzten Erinnerungszeichen waren gerade für die regionale Auseinandersetzung um die NS-Verbrechen vielfach „Steine des Anstoßes“. Das zähe Ringen um die Errichtung repräsentativer und angemessener Gedenksteine sowie um Inschriften, die das Geschehene nicht mehr verdecken, war das Anliegen vieler Initiativen.